Krebs Besieger

Einmal in die Hölle und wieder zurück

Tischtennisball oder Taubenei – auf jeden Fall rund und groß

Da saß ich nun, fassungslos im Sprechzimmer von Herrn Dr. U. „Nein, ausgeschlossen, Sie haben kein akutes Pfeiffersches Drüsenfieber. Es ist richtig, dass Sie mal eins hatten. Aber das ist lange her. Ihre Leberwerte sprechen eindeutig gegen EBV.“ Sollte ich jetzt glücklich oder wütend sein? Glücklich, weil es nun doch etwas anderes zu sein schien und medikamentös schnell in den Griff zu bekommen wäre. Oder sauer, weil die erste Diagnose einfach falsch war und ich kostbare Zeit verloren hatte. Außerdem zeigte ich ihm das Rekonvaleszenz-Medikament, welches mir von Frau C. verschrieben worden war. Er schüttelte den Kopf: „Was soll das denn sein? Nie gehört! Hören Sie auf damit, das ist Geldmacherei. Und Sie haben ja eh kein EBV.“

MRT: Blick von vorne, Zyste links (spiegelverkehrt), dunkler Fleck leicht erkennbar

Wie dem auch sei. Herr Dr. U. verschrieb mir ein Antibiotikum und bat mich, zwei Wochen später wieder vorstellig zu werden, um den Genesungsverlauf genau zu beobachten. Das Antibiotikum schlug auch an und sowohl Schmerzen, als auch die Schwellung nahmen spürbar ab. Ich fühlte mich richtig gut, war überglücklich. Denn all die Befürchtungen, mit einem „Pfeiffer“ die kommenden Monate kämpfen zu müssen, verflüchtigten sich mit einem Mal. Überwiegend war es wohl ein mentaler Schub, der in mir neue Kräfte freisetzte. Das Medikament und das körperliche Wohlbefinden taten ihr Übriges. Das war Ende Februar.

Dieses Wohlbefinden änderte sich leider nach ca. 10 Tagen wieder zum Negativen. Der Knoten im Hals wurde wieder dicker. Allerdings waren die Schmerzen nicht mehr da. Herr Dr. U. hatte mir zu Beginn je eh mitgeteilt, ich solle mich wieder bei ihm melden. Egal wie gut oder schleppend die Genesung ausfallen würde. Also saß ich gegen Mitte März erneut in seinem Sprechzimmer. Auch er war nun zunächst ratlos, vermittelte mir aber zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich bei ihm gut aufgehoben sei und wir das gemeinsam in den Griff bekommen. Zu diesem Zeitpunkte machte ich mir in der Tat überhaupt keine Sorgen. Allerdings würde er nochmals Blut abnehmen lassen, um sich ein aktuelles Bild über bakterielle Infektionen o.ä. machen zu können.

Ich hatte ja bereits beschrieben, wie sich die Blutentnahme bei der Ärztin in Meerbusch abgespielt hatte. Auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 10 (professionell) würde ich Meerbusch eine 1 geben und der Arzthelferin bei Herrn Dr. U. in Düsseldorf eine 9. Die 10 bekommt man nur, wenn ich wirklich gar nichts spüren würde. Diese „Note“ wird im weiteren Verlauf übrigens niemand bekommen. Am Morgen das Blut abgezapft, waren die Werte am Nachmittag bereits da. Ich wollte gerade in den Supermarkt einkaufen gehen, als Herr Dr. U. mich anrief und mir mitteilte, ich möge doch bitte einen HNO-Arzt aufsuchen, um meinen Hals von einem Spezialisten untersuchen zu lassen. Auch hier schoss wieder ein Gedanken bzw. eine Frage durch meinen Kopf: „ist das nun eine Scheiß-Nachricht oder kommen wir dem Ergebnis nun endlich näher?“ Wahrscheinlich beides.

Da ich neu in Mönchengladbach bin, kenne ich hier keine Ärzte und auch mein direktes Umfeld konnte mir keinen HNO-Arzt empfehlen. Ich also übers Handy und Google die Top 3 Suchtreffer anzeigen lassen und deren Internetseiten besucht. Die Praxis mit dem professionellstem Internetauftritt, den besten Patientenbewertungen und dem besten allgemeinem Erscheinungsbild hatte gewonnen. Und das war auch gut so, wie sich später herausstellen sollte.

Den Termin hatte ich bereits für den nächsten Tag bekommen. Ich schäme mich fast schon ein bisschen für meinen Status als Privatversicherter, allerdings war ich heilfroh, dass ich aufgrund dessen nicht noch mehr Zeit verlieren würde. Die Wartezeit war kurz, die HNO-Ärztin sehr nett und aufmerksam. Sie hörte sich meine „Leidensgeschichte“ genau an und untersuchte zunächst alle Körperöffnungen in meinem Kopf. Der Rachen? Ok! Die Nase? Ok! Die Ohren? Total verdreckt. Also holte sie den Dyson aus dem Schrank und steckte mir erstmal das Saugrohr in die Ohren. Das Geräusch war in etwa so, als wenn man mit einem Strohhalm einen Cola-Becher bei McDonalds leerschlürft. Nur doppelt so laut. Zu den ersten Blutwerten sagte Frau Dr. R, dass auch sie einen EBV für ausgeschlossen hält. Und auch zu dem ihr gezeigten Spray musste sie schmunzeln und versicherte mir, dass sie davon noch nie etwas gehört habe. Das ist in etwa vergleichbar mit einem KFZ-Meister, dem man ein Auto-Zubehör zeigt, was noch nie verbaut wurde und keinen Nutzen hat.

Frau Dr. R. machte kurz darauf eine Ultraschall-Untersuchung der gesamtem Hals-Region. Sie zeigte mir auf dem Bildschirm, dass da etwas hinter dem linken Lymphknoten sei, was ziemlich groß ist. Allerdings war sie zu keinem Zeitpunkt beunruhigt, was auf mich wiederum beruhigend wirkte. Das sollte sich ändern, als wir auf das mögliche „Etwas“ da in meinem Hals zu sprechen kamen. Sie wollte sich noch nicht 100%ig festlegen, allerdings deutete einiges auf eine „Laterale Halszyste“ hin. Laut Wikipedia sind diese Zysten „Überreste der Kiemenbogen bzw. Kiemenfurchen, sie werden daher auch branchiogene Halszysten oder -fisteln genannt. Die Kiemenbogen entstehen zwischen der 4. und 8. Woche der Embryonalentwicklung im Bereich des Schlunddarmes.“ Weitere Erklärungen könnt Ihr bei Wikipedia nachlesen.

Da sich diese Zysten von alleine nicht zurückbilden, sollte ich um eine Operation nicht drumherum kommen. Die OP an sich sei nichts außergewöhnliches, so Frau Dr. R., aber es sei eben eine OP am Kopf und damit mit einigen Risiken verbunden. Um wirklich sicher zu gehen, ordnete sie ein Kopf- und Hals-MRT an. Ein Radiologe befand sich im gleichen Ärztehaus und auch dort bekam ich am selben Nachmittag noch einen Termin. Ein zweites Gespräch mit der HNO-Ärztin sollte danach ebenfalls folgen.

Also verließ ich die Praxis von Frau Dr. R und als hätte ich es im Urin gehabt, dass irgendetwas nicht stimmt, liefen mir erstmal die Tränen. Zyste IM Hals, OP AM Hals. Na super, ich konnte mir auch was Besseres vorstellen. Ich rief zunächst meine Freundin an, die sich einen halben Tag Urlaub nahm und sich dann auf den Weg zu mir machte. So konnte sie am Nachmittag beim MRT mit dabei sein. Ich fühlte mich tatsächlich besser, als sie dann am Mittag da war. Die MRT-Praxis war ziemlich durchgestylt und hoch modern. Das hätte mich auf gewundert, wenn bei einem Investitionsvolumen für ein MRT-Gerät zwischen 800 tsd und 3 Mio € (pro Stück!!!) im Vorzimmer Ikea-Möbel gestanden hätten. Nichts gegen Ikea, aber hätte dennoch nicht gepasst. Die Untersuchung selber dauerte länger, als ich zunächst angenommen hatte. Ich wurde zunächst auf diese Liege gelegt und in das röhrenförmige Gerät gefahren. Diese Röhre war verdammt eng. Mit meinen breiten Schultern aus Handballerzeiten kaum machbar. Ich musste an Kampfschwimmer denken, die aus den Torpedorohren ihrer U-Boote ausgeschleust werden, um gegnerische Schiffe anzugreifen.  Diese Rohre sind nicht nur eng, sondern auch noch mit Wasser geflutet.

MRT: Blick von unten, Zyste links (spiegelverkehrt), dunkler Fleck stark erkennbar

Mit der MRT-Untersuchung macht der Radiologe Schnittbilder vom Schädel, den Gefäßen sowie dem Gehirn bis hinunter zum unteren Hals-Bereich. In der Röhre sollte ich möglichst still liegen, um die Aufnahmen nicht zu versauen. Das war eigentlich kein Problem, also ich hatte keine Platzangst oder ähnliches. Viel krasser war das Kontrastmittel, welches mir während der Untersuchung verabreicht wurde. Die Assistentin gab mir ein akustisches Zeichen, dass sie das Mittel nun den Blutkreislauf geben würde und innerhalb weniger Augenblicke verteilte sich das Zeug im ganzen Körper. Bis in jede Ader verspürte ich einen warmen Durchfluss. Eigentlich ziemlich angenehm. Kontrastmittel werden benötigt, um schwer sichtbare Organstrukturen und verschiedene Körpergewebe optisch zu trennen und sichtbar zu machen. Nach 45 Minuten war alles vorbei und ich konnte direkt im Anschluss das Gespräch mit dem Radiologen führen. Die Bilder zeigten eindeutig einen kreisrunden, ziemlich großen Körper, der da nicht hingehörte. Sah aus wie ein Tischtennisball oder ein Taubenei. Der Radiologe stutzte allerdings etwas, da diese Kugel keine durchgehend, einheitliche Färbung durch das Kontrastmittel hatte. Das könnt Ihr auch auf den Bildern sehen. Für ihn eigentlich ein Zeichen, dass sich auf dieser „Zyste“ undurchlässiges Zellmaterial befindet, was einem Tumor ähnlich sähe. Zack, mein Herz rutschte in die Schuhe und von da unten schlug mein Puls bis oben unter die Schädeldecke. Mit einem Mal hatte ich richtig Angst. Er beruhigte mich relativ schnell, da er ansonsten keine Metastasen (und schon wieder so ein scheiß Wort) im Kopf und Hals erkennen könne. Vermutlich würde es sich um eine „verkapselte“ Entzündung handeln, die sich auf die Zyste gelegt hatte. Aber auch der Radiologe empfahl mir eine zeitnahe Entfernung der Zyste, um keine weiteren Infektionen zu riskieren.

Mit einer CD inkl. aller Aufnahmen aus dem MRT gingen meine Freundin und ich wieder hoch zur HNO-Ärztin Frau Dr. R. Sie nahm sich wieder sehr viel Zeit für mich und wir überlegten, welche HNO-Klinik für mich in Betracht käme. Sie schlug die HNO-Abteilung des Lukaskrankenhauses vor, rief dort im gleichen Moment an und vereinbarte für mich einen Termin. Mit dem nächsten Beitrag beginnt die Ära: Dauergast im Lukaskrankenhaus Neuss.

 

 

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5 Kommentare

  1. Zukunft ist ein ziemlich schwammiger Begriff.
    Was soll denn ein Mensch darüber denken der z.B. die 80 Jahre schon überschritten hat?
    Was denkt dagegen ein kleines Kind, das noch sooo lange auf Weihnachten warten muss?
    Bei einem Jugendlichen ist das schon etwas pragmatischer, der denkt an seine
    ,,zukünftige “Party.
    Entscheidend ist aus meiner Sicht, das Fehlen jeglicher Angst und das Vertrauen auf die eigene Gewissheit, dass Du zu jedem Weihnachtsfest ne Party feierst und dass Du die 80 eben noch nicht überschritten hast‼️

  2. Alter Falter, was ein Ei!
    Ich bin gespannt wie die Story weiter geht!
    Du schreibst echt gut.

    • CP

      10. Juni 2017 at 12:03 am

      Lieber Güssi, ich danke Dir für Deine lieben Grüße. Keine Angst, auf der nächsten ISH trinken wir wieder ein Kölsch zusammen. Ach quatsch, nächstes Karneval schon. Und danke für Deine Meinung zu meinem Blog. Freut mich, wenn es Dir/Euch gefällt. Der nächste Beitrag kommt bestimmt. LG, Ritter P.

  3. Lüübür Chrüstüün,
    nün nühmü üch mür ündlüch düü Züüt üün püür Würtü zü schrüübün. Düs hüt müch günz schün büwügt, üls Dü mür üm Früütüg vüm Krübs (dür müüsün Fünz) erzühlt hüst. Üch hübü dürükt ün dür Bühn üngüfüngün dün Blüg zü lüsün. Süpür güschrüübün ünd sühr büwügünd!Hüt üb!
    Üch wünschü Dür vüül Krüft ünd Stürkü büüm Büsüügün!Müld Düch,wünn Dü ün dür Nühü büst,üdür rüdün wüllst. Müch Lüvü, Hünrü

    Und nun nochmal in Nicht-Geheimsprache:
    Lieber Christian,
    nun nehme ich mir endlich die Zeit ein paar Worte zu schreiben. Das hat mich ganz schön bewegt, als Du mir am Freitag vom Krebs erzählt hast. Ich habe direkt in der Bahn angefangen den Blog zu lesen. Super geschrieben und sehr bewegend!Hut ab!
    Ich wünsche Dir viel Kraft und Stärke beim Besiegen!Meld Dich,wenn Du in der Nähe bist,oder reden willst.
    Much Love,
    Henri

    • CP

      12. Juni 2017 at 11:12 pm

      Hüllü, lüübür Hünrü! Üch hübü müch tütül übür ünsür züfüllügüs trüffün üm früütüg güfrüüt. Üch kümmü gürnü üüf düün üngübüt zürück, wünn üch qütschün üdür üünfüch nür üün büürchün trünkün wüll. Büs büld, Chrüstüün

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