Ich saß aufrecht in meinem Krankenbett, als Prof. N. mir diese Horrornachricht überbrachte. Ich wusste gar nicht, auf wen ich mehr achten sollte. Auf mich und wie ich auf diese Diagnose reagiere? Oder auf Prof. N., der nun sichtlich betroffen mit dem Rücken an der Wand lehnte und sich auch nicht erklären konnte, wie sich ein Krebs auf die Zyste legen könne. Einer meiner ersten Gedanken war: „wie lange habe ich noch?“. Ich glaube, das fragt sich jeder, der zum ersten Mal die Diagnose Krebs mitgeteilt bekommt. Die zweite Frage, die mir durch den Kopf schoss: „Warum gerade ich? Ich habe doch niemandem etwas getan.“ Auch das wird sich jeder fragen.

Die erste Frage äußerte ich laut. Ich weiß noch, dass ich die ersten Minuten nicht mal weinte, sondern einfach „nur“ mit offenem Mund da saß und sich mein Hals zuschnürte. Prof. N. konnte mich ein klein wenig beruhigen, da keine weiteren Metastasen auf dem ersten Kopf-MRT zu sehen und Krebserkrankungen dieser Art in den meisten Fällen sehr gut behandelbar seien. Das half mir nur bedingt. Denn mit den tausend Gedanken, die ich mit einem Mal hatte, schossen mir die Tränen in die Augen. Was passiert jetzt mit mir? Wie wird das behandelt? Gibt es vielleicht Metastasen an anderer Stelle? Wie lange werde ich krank sein? Wann werde ich wieder arbeiten können?

Prof. N. sagte mir, dass er das Ergebnis der entnommenen Gewebeprobe am Vormittag aus der Pathologie erhalten habe und selber überrascht sei, dass es sich um Krebszellen handelte. Bei meinem ersten Besuch in seiner Sprechstunde Ende März sprachen wir ja über den dunklen Schatten auf der Zyste. Jetzt bestätigte sich, dass es keine verkapselte Entzündung sei, sondern eben Krebs. In diesem Fall ein Platten-Epithel-Karzinom. Ich bat ihn, mich ein paar Minuten alleine zu lassen, um ein paar Telefonate zu führen. Der erste Anruf galt meiner Freundin. Allerdings erreichte ich sie nicht auf Anhieb. Der zweite Anruf ging an meine Eltern. Unter Tränen schrie ich sie an: „Kommt vorbei, ich habe Krebs.“ Meine Mutter – und dafür bewundere ich sie – blieb in diesem Moment ganz ruhig und besänftigte mich, dass sie jetzt aus Bergisch Gladbach sofort nach Neuss fahren würden und alles wieder gut werde. Innerlich wird es sie zerrissen haben.

Meine Freundin Amata erreichte ich dann kurze Zeit später. Auch ihr sagte ich unter Tränen, was los sei. Ihr Navi zeigte noch 15 Minuten Autofahrt, dann sei sie bei mir im Krankenhaus. Mein dritter Anruf galt meinem Chef Holger D. Zu ihm und zu dem Großteil meiner Kollegen pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis, so dass ich auch ihn über meinen Zustand informieren wollte. Auch Holger war geschockt, aber vermittelte mir umgehend das Gefühl von Zuversicht, Zusammenhalt und Unterstützung. Das tat gut.

Ein paar Minuten später kam Prof. N. erneut in mein Zimmer, um mit mir die nächsten Maßnahmen zu besprechen. Zu diesem Zeitpunkt realisierte ich, dass ich gar keine Zeit haben würde, mich mit der Diagnose in langsamen Schritten auseinanderzusetzen. Natürlich würde es Zeit brauchen, zu verstehen, was sich jetzt alles ändern könnte/würde. Aber gewisse Entscheidungen mussten nun schnell getroffen werden. Zu diesen Entscheidungen gehörte die Durchführung einer zweiten, kurzfristigen Operation. Eine so genannte „Neck-Dissection“, quasi eine Radikal-Operation mit Ausräumung aller Lymphknoten des Halses nach Tumorbefund. Ziel dieses Eingriffs ist es, weitere Metastasen des Tumors zu entfernen und eine weitere Streuung von Tumorzellen zu verhindern.

Prof. N. hatte quasi für mich entschieden, die Operation zu machen. Nun stellte sich die Frage, wann. In diesem Moment kam Amata in mein Zimmer und wir überlegten gemeinsam, welcher Zeitpunkt für die zweite OP der beste sei. Prof. N. hatte bereits mit seinem OP-Team gesprochen und konnte mir für den Samstagmorgen, 06.05. zusichern, mich nochmals zu operieren – vorausgesetzt, es würde nicht noch ein Notfall reinkommen.

Er zog sich aus meinem Zimmer zurück, bat mich aber in ein paar Minuten nochmals in sein Untersuchungszimmer zu kommen. So konnten Amata und ich ein paar Minuten alleine sein. Ich heulte wie ein Schlosshund und sie hielt mich einfach nur in ihrem Arm. Im Untersuchungszimmer von Prof. N. teilte er mir dann mit, dass er mich noch am gleichen Abend operieren könne. Es dürfe allerdings nicht später als 18.00 Uhr sein. Wann ich das letzte Mal etwas gegessen hätte, wollte er wissen: um 12.00 Uhr. Wann das letzte Mal geraucht? Kurz danach. Getrunken? Vor 13.00 Uhr. Alles klar, der Operation sollte unter diesem Aspekt nichts mehr im Wege stehen. Er selber würde wieder mit seinem Team operieren und alles vorbereiten. Dazu gehörte natürlich auch ein weiteres Aufklärungs-Gespräch mit der Anästhesie. Ich willigte der Operation ein, ohne zu wissen, was dieser Eingriff überhaupt bedeuten würde. Die erste OP dauerte ca. eine Stunde inkl. aufschneiden und zunähen. Diese OP würde ca. 2,5 Stunden dauern. Puuh. Zwei OPs am Hals innerhalb von 30 Stunden unter Vollnarkose. Vollrausch auf Rezept, nicht schlecht!

Um ca. 15.00 Uhr kamen meine Eltern ins Krankenhaus. Auch jetzt flossen natürlich wieder die Tränen. Und wieder war es meine Mutter, die sehr stark zu sein schien und mich mental aufbaute. „Wir schaffen das gemeinsam“ war ihr Satz, der sich in meinem Kopf wie ein Mantra festsetzte. Gemeinsam gingen wir ein paar Schritte spazieren und einen Tee trinken. Also ich nicht. Ich musste ja nüchtern bleiben. Wir sprachen über die zweite OP und das danach alles gut werden würde. Schnell war eine Stunde um und meine Eltern machten sich wieder auf den Weg. Amata versicherte ihnen, dass sie bis nach der OP bei mir bleiben und sie über den Stand der Dinge informieren würde. Zurück auf dem Zimmer dauerte es nicht lange und Frau Dr. O. meine Lieblings-Anästhesistin kam wieder zu mir. Auch sie war sichtlich schockiert. Sie musste mich erneut über die ganzen Risiken aufklären und dass sie leider nicht dabei sein könne. Sie versicherte mir aber, dass sie eine ganz tolle Kollegin hätte, die sich um mich kümmern würde. Jetzt war es ca. 16:30 Uhr. Also nicht mehr lange, bis ich zum zweiten Mal abgeholt werden würde.

Eine weitere Oberärztin Frau Dr. Z. besuchte mich ebenfalls, um mich über den eigentlichen Eingriff aufzuklären. Sie war bereits bei der ersten OP als zweite Operateurin dabei. Sie kam nah an mein Bett und hielt meine Hand. Wahrscheinlich einfach nur, um mich zu beruhigen. Sie erklärte mir, an welcher Stelle und mit welcher Länge der Schnitt am Hals verlaufen würde. Für eine Neck-Dissection muss deutlich größer geschnitten werden, um an das zu entfernende Gewebe zu kommen. Mir war alles egal in diesem Moment, ich war leer und die gesamte Situation erschien surreal. Mir liefen wieder die Tränen. Meine Freundin sagte in diesem Moment, dass ich für sie der schönste Mann auf der Welt sei, trotz einer langen Narbe am Hals. Sie war sich nicht sicher, aber sie glaubte, auch Tränen in den Augen der Ärztin erkennen zu können.

Um 17:25 wurde ich vom Pfleger abgeholt. Den Weg zum OP kannte ich bereits. Ich fuhr wieder den langen Gang entlang bis zur Eingangstür zum OP. Amata begleitete mich, musste allerdings draußen warten. Im OP-Bereich wurde ich direkt in den Operationssaal geschoben, ohne Zwischenstation im Wartebereich. Es war eh keiner mehr da. Ich war also der letzte Patient – quasi auch irgendwie ein Notfall. Wieder musste ich aus meinem Krankenhausbett auf die OP-Liege. Mir war eiskalt und ich zitterte am ganzen Körper. Zum OP-Pfleger meinte ich noch, dass ich jetzt eigentlich FC gegen Bremen gucken wolle. „Waaas? FC Fan? Sie wissen schon, dass hier nur Gladbach-Fans arbeiten?“ Ich bat ihn, eine Ausnahme zu machen und dem FC die Daumen zu drücken. Er willigte ein. Wieder wurde mir eine Manschette um den linken Arm gelegt. Wieder wurden die Seitenteile zur Verbreiterung der Liegefläche angebracht. Wieder wurde ich über meinen Zugang am linken Unterarm mit der „Cocktail-Bar“ verdrahtet.

Und wieder wurde mir eine warme Decke auf die Beine gelegt. Mehr als beim ersten Mal war diese auch notwendig. Ich zitterte immer noch. Ich schaute nach oben in die grellen OP-Leuchten. Um mich herum wieder dieses Gewusel. Jeder wusste, was zu tun war und alle bereiteten den Eingriff vor. Auf einmal blickte ich in das Gesicht einer neuen Ärztin, die ich noch nicht kannte. Oberärztin Frau Dr. Ob. war die „Vertretung“ von Frau Dr. O. und würde die Anästhesie übernehmen. Sie stand hinter mir am Kopfende der Liege. Sowohl die Ärztin, als auch alle anderen im Team kannten den Hintergrund meiner OP: zweiter Eingriff, Neck-Dissection, Tumorentfernung und das an einem Freitagabend, wenn andere schon das Wochenende starteten bzw. FC gegen Werder schauen. Als wüsste sie, dass es mich beruhigen würde, legte Frau Dr. Ob. ihre Hände links und rechts an meine Wangen und Schläfen. Sie fragte mich, ob ich dieses Jahr bereits im Urlaub gewesen sei. Ich sagte ihr, dass ich im März mit meinen Kindern in Garmisch zum Skifahren war. Ich fing wieder bitterlich an zu weinen. Sie wischte mir die Tränen aus den Augen, streichelte meine Schläfen und sagte: „Dann schicke ich Sie jetzt auf eine schöne, warme Sommerreise“ Dann schlief ich ein.

 

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