Krebs Besieger

Einmal in die Hölle und wieder zurück

Operation – die Erste

Donnerstag, 04.05.2017. Mein Handywecker klingelte um 06:00 Uhr. Leider vergeblich, denn ich war bereits seit halb fünf wach. Hunger hatte ich (noch) nicht. Und das sollte auch bitte so bleiben, denn ich musste mich ja nüchtern auf Station melden. Die letzte Zigarette hatte ich bereits am Vorabend geraucht. Mindestens sechs Stunden vor der OP sollte man nicht mehr geraucht haben. Genauso lange sollte man nichts mehr gegessen haben. Bis zwei Stunden vor der OP durfte ich noch ein Glas Wasser trinken. Das habe ich dann auch um halb sieben gemacht. Zum Glück stellte sich bei mir kein Hungergefühl ein. Dafür war ich einfach zu nervös.

Mit Claudia, der Mama meiner Freundin, hatte ich mich für 08.00 Uhr verabredet. Sie fuhr mich liebenswerterweise ins Lukaskrankenhaus, da Amata am gleichen Vormittag beruflich für zwei Tage verreisen musste. Ich war also bestens versorgt, da ich wusste, dass meine Freundin mich am nächsten Tag besuchen würde. Außerdem hatten sich meine Eltern für den späten Vormittag angekündigt, um bei mir zu sein, wenn ich aus der Narkose wieder aufwache. Pünktlich um 08:00 Uhr klingelte es an der Haustür. Meine Krankenhaustasche hatte ich bereits am Vorabend gepackt. Ein paar Wechselklamotten und Wohlfühlhose und Shirt fürs Bett, zwei Bücher, Handyladekabel, Laptop und ein bisschen Kleinkram. Bei dem Buch handelte es sich um den Titel „Männlicher Narzissmus“. Das Buch hatte ich eigentlich fast durch, ein paar Kapitel fehlten noch. Es war eine Empfehlung aus irgendeiner FAZ-Ausgabe. Es geht u.a. um berühmte Persönlichkeiten wie Ronaldo oder Trump, die aufgrund mangelnder Selbsttransparenz ein viel zu überzogenes Selbstwertgefühl haben und in der Liebe nur die Eigenliebe kennen. Gutes Buch.

Nachdem ich mich von Amata verabschiedet hatte, fuhren Claudia und ich los und aus dem Zentrum Mönchengladbachs Richtung Neuss. Wir entschieden uns für die Landstraßen-Variante, da die A52 Richtung Düsseldorf morgens um diese Uhrzeit erfahrungsgemäß dicht ist. Amatas Mama ist ein Schatz. Wir erzählten über dies und das und immer wieder gab sie mir das sichere Gefühl, dass alles gut wird und ich mir keinen „Kopf“ machen solle. Um halb neun kamen wir auf dem großen Parkplatz vor dem Krankenhaus an. Ich war also pünktlich.

Aber das hätte ich gar nicht sein müssen. Ich durfte zwar bereits auf mein Zimmer, die OP würde sich allerdings verzögern, da am Morgen noch ein Notfall reingekommen sei. Das Lukaskrankenhaus ist eine Akutklinik, zumindest der HNO-Bereich. Das bedeutet, dass jederzeit Notfälle bevorzugt behandelt werden. Das bedeutet auch, dass wenn man ein Zweibettzimmer „gebucht“ hat, dass man dann trotzdem auf einem Vierbettzimmer landen kann, wenn es die Bettenverteilung so erfordert.

Auf meinem Zimmer befand sich bereits ein weiterer Patient. Ein älterer Herr, dem auf der rechten Seite hinter seinem Ohr ein Pils entfernt werden sollte. Er hatte bereits sein OP Hemdchen an. Also ging ich davon aus, dass er noch vor mir an der Reihe war, da auch er von Herrn Prof. N. operiert werden würde. Ich sortierte erstmal meine Sachen in meinen Schrank bzw. auf den schicken Beistell-Nachttisch. Die Krankenhauszimmer sind mittlerweile wie Oberklasse-Hotelzimmer. Die Einbauschränke und der Beistelltisch waren aus normalem, zeitlosem Holz. An der Wand hing ein riesiger Flach-Bildschirm und das Badezimmer war sauber und groß und mit einer begehbaren Dusche ausgestattet. Dass wir zu zweit auf dem Zimmer waren, störte mich nicht.

Um ca. viertel nach neun kam eine Schwester zu uns ins Zimmer und teilte mir mit, dass ich um ca. elf Uhr für die Fahrt in den OP abgeholt werden würde. So langsam stellte sich Hungergefühl ein und ich hoffte, dass nicht noch ein Notfall dazwischenkommen würde. Die Schwester gab mir mein OP-Hemd und ein Mittel zur Beruhigung, welches ich um zehn Uhr zu mir nehmen solle. Claudia war so lieb und besorgte mir ein paar Zeitschriften für die Zeit nach der OP. In der Zwischenzeit konnte ich mich umziehen. Es scheint, als gäbe es in Krankenhäusern nur zwei verschiedene Größen an OP-Hemden. Eine Größe für Kinder und eine Größe für kleine Erwachsene. Wer größer als 1,90 m ist und in einem Oberklasse-Hotel mal einen Hotel-Bademantel anprobiert hat, weiß was ich meine.

Um viertel vor zehn wurde mein Zimmer-Genosse abgeholt. Das bedeutete für mich, dass auch ich bald an der Reihe sein würde. Kurze Zeit später kamen dann auch meine Eltern im Krankenhaus an und wunderten sich, dass ich noch auf dem Zimmer lag. Diese Situation war insofern aufregend für alle Beteiligten, als dass meine Eltern und Amatas Mutter zum ersten Mal aufeinandertrafen. Das hatte schon was Witziges. Normalerweise lernen sich die beiden Elternpaare ihrer verliebten Kinder in angenehmerer Atmosphäre kennen. Amatas Vater Gisbert sollte später noch in Erscheinung treten.

Quelle: http://www.hill-rom.at/at/Products/Products-by-Category/hospital-beds–long-term-care-beds/hr-900/

Für mich war die Situation einfach nur schön, denn Claudia und meine Eltern verstanden sich auf Anhieb. Ich lag bereits abholfertig im Bett und blätterte in einem der Nachrichten- bzw. Boulevard-Magazine. Viele Grüße und besten Dank an dieser Stelle an Markus Feldenkirchen für Deine sehr guten und tiefgründigen Beiträge im Spiegel. Das Bett von der Marke Hill-Rom, Modell 900. Hightech auf 2qm. Nahezu jede Liegeposition war einstellbar. Das Bett hätte ein paar cm breiter sein können. Da es bereits viertel nach zehn war, sollte ich nun meine Tabletten zu mir nehmen. Die Schwester kündigte jetzt ganz konkret meine Abholung für kurz vor elf Uhr an. Umso erstaunter war ich, als es dann um halb elf auf einmal ganz schnell ging und mich ein netter Pfleger aus meinem Zimmer abholte. Ich verabschiedete mich noch kurz von Claudia und meinen Eltern und „fuhr“ los.

Der Weg zum OP führte über den Flur des 3. Obergeschosses zum nächsten Bettenaufzug und dann hinunter ins erste Obergeschoss. Dieser Bereich war zwar für jeden frei zugänglich, dennoch kamen mir nur sehr wenige Leute entgegen. Ich fühlte mich wie auf dem Präsentierteller, wenn andere Patienten oder auch Besucher mich so im Bett liegend sahen. Da jeder wusste: der kommt jetzt unters Messer. Der OP-Bereich war klar gekennzeichnet und durch eine schwere Schwingtür vom Flur getrennt. Im Inneren des Bereichs wurde ich zunächst für ein paar Minuten in eine Art Warteraum geschoben. Ich war alleine, es musste also sofort losgehen. Und in der Tat, nach nur wenigen Minuten holte mich ein sehr freundlicher OP-Pfleger ab. Er vergewisserte sich erneut, ob es sich bei meiner Person zweifelsfrei um C. P. handelt, ob ich nüchtern sei, wie viel ich wiege, wie groß ich sei, etc. Er kontrollierte, ob die zuvor mit Edding gemachte Markierung an der richtigen Stelle ist. Fatal, wenn man die falsche Seite aufschneiden würde.

Im OP musste ich dann aus meinem High-Tech Krankenhausbett auf eine zunächst sehr schmale OP-Liege klettern. Allerdings gab man mir ein bequemes Kopf-Teil und ein Kissen für die Kniebeugen. Links und rechts neben dem Bett wurden Verbreiterungen angebracht, auf die ich meine Arme legen sollte. Der rechte Arm bekam über die gesamte Länge eine Art Manschette, mit der mein Puls bzw. Blutdruck kontinuierlich gemessen wurde. Auf meinem Zimmer hatte man mir bereits einen Zugang am linken Unterarm gelegt, über den vor der OP das Narkosemittel verabreicht würde. Dieser Zugang wurde jetzt verkabelt. Der linke Arm lag ebenfalls auf einer Verbreiterung. Meine Beine belegte man mit einer warmen Decke, die man zuvor wahrscheinlich extra aufgeheizt hatte. Mir war zwar nicht kalt, aber es war dennoch sehr angenehm. Da ich meine Brille auf meinem Zimmer gelassen hatte und ich sehr kurzsichtig bin, konnte ich nicht sehen, was um mich herum passierte. Ich merkte allerdings, dass sich mindesten bereits fünf Pfleger und Schwestern um die Vorbereitung der OP kümmerten.

Und da war sie wieder, meine Lieblings-Ärztin, die Anästhesistin Frau Dr. O. Sie erklärte mir nun die einzelnen Schritte bis zum Einschlafen. Eigentlich waren es nur zwei: 1) Sauerstoff-Maske aufsetzen für die externe Beatmung und 2) „Hahn aufdrehen“ für das Schlafmittel. Der frische Sauerstoff war angenehm. Ich stellte mir vor, was wir alles einatmen müssen, wenn wir durch die Stadt bzw. den dichten Verkehr gehen. Frau Dr. O. sagte mir auch, dass sie nach dem Einschlafen, die Atemmaske abnehmen würde und durch einen Intubationsschlauch ersetzen würde. Aber davon bekam ich natürlich nichts mit, von daher war es mir ehrlich gesagt egal. Ein weiterer Gedanke schoss mir noch durch den Kopf: hat man ein Zeitempfinden, wenn man durch Narkose einschläft und irgendwann wieder aufwacht? Träumt man während der Narkose? Weiß man hinterher, wie lange man geschlafen hat? Ich sagte noch zur Frau Dr. O., sie solle mir eine ordentliche Ladung verpassen, damit ich mal zehn Stunden am Stück durchschlafe. Ich glaube, den Rest des Satzes hatte sie nicht mehr verstanden. Ich war bereits eingeschlafen.

Ich wachte im Aufwachraum des OP-Bereichs gaaaaaaaaaanz langsam auf. Zumindest bewusst. Denn ich musste vorher schon ansprechbar und beweglich gewesen sein, denn scheinbar war ich in der Lage, von der OP-Liege wieder in mein Krankenbett zu klettern. Ich war natürlich noch fix und alle, aber fühlte mich ganz gut. Mit jeder Minute, die verging, kam ich mehr zu Bewusstsein. Bewegen wollte ich mich noch nicht, um bspw. zu fühlen, was sich an meinem Hals befindet. Ich hatte allerdings Durst und fragte eine der OP-Schwestern, ob ich was trinken dürfe. Ich bekam einen Becher Wasser und auch eine erste Schmerztablette. Der Aufwachraum war voll mit operierten Patienten. Wie in einer Autowerkstatt, in der in einer separaten Halle die fertigen Autos zur Abholung bereitstehen. Und wenn ich mir dann noch vorstellte, dass mein operierender Arzt Prof. N. bis zu fünf OPs an einem Tag durchführt, wünscht man sich, nicht der letzte Patient auf dem OP-Plan zu sein. Hut ab vor dieser Konzentrations-Leistung! Nicht nur Respekt für den Arzt, sondern für das ganze OP-Team.

Nach ca. einer halben Stunde brachte man mich wieder hoch in mein Zimmer. Es war jetzt ungefähr 15.00 Uhr. Meine Eltern warteten bereits auf mich und waren froh, mich wieder wohlauf zu sehen. Eine erste Rückmeldung, wie die OP verlaufen sei, hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Allerdings wusste ich, dass Prof. N. noch persönlich reinkommen würde. Mein Hals war dick bandagiert. Unter dem Pflaster schaute ein dünner Drainage-Schlauch heraus, der das Wundwasser aus der Halswunde in einen kleinen Plastik-Behälter abführen sollte. Auch das hatte man mir vorher erklärt. Und es sah schlimmer aus, als es tatsächlich war. Ich musste einfach nur aufpassen, dass ich mit dem Schlauch nicht irgendwo hängen bleibe. Am Bett gibt es dafür sogar eigene Hänge-Vorrichtungen.

Meine Eltern schickte ich nach Hause. Sie waren auch müde, zumal sie ja davon ausgegangen waren, dass die OP schneller vorbei sei. Kaum waren sie zur Türe raus, besuchten mich erneut Claudia und Gisbert, die Eltern meiner Freundin Amata. Es war eine kurze Steppvisite, da sie merkten, dass ich einfach kaputt war und ein bisschen Ruhe haben wollte. Sie drückten mich und waren auch schon wieder verschwunden.

Das erste was ich machte, als ich alleine war, ich holte mein Handy aus dem Zimmersafe und schrieb zunächst einige WhatsApp-Nachrichten an Freunde und Kollegen. Meine Freundin Amata hatte bereits einige Wochen vorher eine WhatsApp-Gruppe erstellt, über die wir uns alle zu meinem gesundheitlichen Zustand auf dem Laufenden hielten bzw. organisatorische Dinge klären konnten. Mit „alle“ meine ich die Familie von Amata und meine Familie. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und die ersten Genesungswünsche trudelten ein. Einige meiner Freunde wussten gar nicht, dass ich operiert worden war und waren dem entsprechend überrascht. Wenn alles nach Plan verlaufen würde, sollte ich ja bereits Samstag, spätestens Sonntag wieder nach Hause gehen können. Zum Glück hatte man für mich ein Mittagessen aufbewahrt, da ich ja seit dem vorherigen Abend nichts mehr gegessen hatte. Es gab Schweinesülze mit kleinen Kartoffeln und Remouladensoße. Dazu einen Schokopudding. Ich hasse Schweinesülze. Aber sie war lecker. Dazu gab es einen Kaffee.

Ach stimmt, das hatte ich ja ganz vergessen. Noch vor der OP war eine nette Dame aus dem Serviceteam auf meinem Zimmer und tippte per iPad meine Essenswünsche für die kommenden zwei Tage ein. Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich alles bestellt hatte bzw. bestellen konnte. Aber das Angebot war sehr reichlich und hörte sich verdammt lecker an.

Zurück zu meiner Sülze: ich war natürlich froh, etwas zu essen zu bekommen, wusste aber auch, dass am frühen Abend ein weiteres Tablett mit Butterbrotscheiben ins Zimmer gebracht würde. Normalerweise wird einem Patienten am Tag der OP alles ans Bett gebracht. Allerdings teilte ich der Krankenschwester mit, dass ich mich gut fühle und mein Abendbrot am Patientenbuffet einnehmen könne. Mittlerweile ist es so, dass die Patienten ihr Frühstück und Abendbrot an einem kleinen Buffet selber zusammenstellen können, um es dann auf dem Zimmer oder beim Buffet zu sich zu nehmen. Das Buffet ist in etwa so vielfältig wie in einem einfachen Hotel: ein paar Brotsorten, ein bisschen Aufschnitt und Käse, Butter, Streichkäse, ein bisschen Salat, ggf. Fruchtjoghurt. Kein 5-Sterne-Luxus, aber absolut ausreichend. Für das Krankenhaus eine Vereinfachung der Abläufe und Verringerung der Kosten: weniger Zeitaufwand für das Personal und weniger Kosten, weil die Patienten nur noch das essen, was sie wollen. Dazu kommt der soziale Aspekt, dass Patienten aus ihrem Zimmer kommen und andere Patienten kennen lernen können. An diesem Abend beschloss ich also, mein Abendbrot „extern“ zu essen.

Zwischenzeitlich besuchte Prof. N. sowohl meinen Zimmernachbarn, als auch mich. Er teilte mir mit, dass meine Operation erfolgreich und ohne Komplikationen verlaufen sei. Er merkte allerdings an, dass es sich bei meiner Zyste um ein sehr großes Exemplar gehandelt hatte und dem entsprechend der Schnitt am Hals ca. 2 cm länger sein musste. Außerdem sei die Zyste bei der Entnahme durch die Öffnung geplatzt. Das sei zwar nicht schlimm. Aber als Operateur möchte man die „Fremdkörper“ am liebsten in einem Stück und unbeschädigt entfernen. Das entnommene Gewebe, so Prof. N., habe er an die Pathologie zur Untersuchung geschickt. Das sei Routine.

Nach dem nachmittäglichen Mittagessen und dem umfangreichen Abendbrot hatte ich meinen Zucker- und Kohlehydratehaushalt wieder auf Vordermann gebracht. Ich lief noch ein paar Schritte auf meiner HNO-Station spazieren und telefonierte noch mit dem einen oder anderen. Insbesondere natürlich mit meiner Partnerin, die immer noch ein schlechtes Gewissen hatte, nicht bei mir zu sein. Auf der Toilette machte ich dann ein „Selfie“ von mir und meinem Hals. Den Anblick hatte ich mir schlimmer vorgestellt und dank der Schmerztablette spürte ich nicht wirklich was.

Ich ging früh schlafen, bzw. versuchte es. Ich bin normalerweise Bauchschläfer, was mir jetzt leider ein wenig einen Strich durch die Rechnung machen sollte. Nicht das Bett war unbequem und auch nicht der Verband am Hals. Es war vielmehr der Drainage-Schlauch, der mich störte und den ich irgendwie unter meiner Brust verlegen musste, damit ich den Plastik-Flachmann (so sah der Behälter nämlich aus) seitlich ans Bett hängen konnte. Die Nacht war unruhig. Ich wurde oft wach, um den Schlauch zu kontrollieren und natürlich war ich noch aufgewühlt von der ganzen Operation. So war ich auch schon früh wach und fing an in einer meiner Zeitschriften zu blättern und neue WhatsApp Nachrichten zu beantworten. Nach dem Frühstück freute ich mich so richtig auf meine erste Zigarette seit gefühlt zwei Tagen. Ich nahm ein bisschen Kleingeld mit, ging über meinen Flur Richtung Hauptgebäude und fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Auf dem Weg nach draußen zum Raucherbereich deckte ich mich im Krankenhaus-Kiosk noch mit Tageslektüre ein: Bildzeitung, Fußballbild, Kölner Express. Die Zigarette schmeckte scheußlich, aber irgendwie genoss ich sie auch. Oben im Zimmer fing ich an, mich mit Hilfe der Zeitungen auf den aktuellen Wissensstand des Weltgeschehens zu bringen. Der Gehalt an guten Inhalten entspricht in etwa der Menge gesunder Nährstoffe in künstlichem Wassereis. Die wirklich wichtigen Inhalte holte ich mir aus dem Internet.

Um kurz nach 09:00 Uhr wurde der Drainage-Schlauch wieder entfernt. Es war nicht mehr viel Wundflüssigkeit nachgelaufen. Das bedeutete für mich, die nächste Nacht deutlich besser schlafen zu können. Im Laufe des Vormittags ging ich noch ein weiteres Mal hinunter, um eine Zigarette zu rauchen. Und so verbrachte ich die Zeit bis zum Mittagessen mit Lesen, Emails checken und schreiben, im Internet surfen und kurzen Spaziergängen über den Flur. Zwischendurch besuchte mich wieder eine der vielen sehr sehr lieben Krankenschwestern, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen, Blutdruck oder Temperatur zu messen. Das Wetter an diesem Freitag war eher diesig und nicht wirklich freundlich. Das Mittagessen kam gegen 12 Uhr. Was ich bestellt hatte, weiß ich jetzt nicht mehr aber soweit ich mich erinnern kann, war es lecker. Nach dem Mittagessen ging ich erneut eine Zigarette rauchen. Es sollte bis jetzt die letzte Zigarette gewesen sein.

Um kurz nach 14.00 Uhr besuchte Prof. N. unser Zimmer erneut. Ich hatte mich schon gewundert, warum er morgens nicht zur klassischen Arztvisite kam. Zunächst ging er zu meinem Zimmer-Genossen und teilte ihm mit, dass er am darauffolgenden Tag entlassen würde. Auch ich rieb mir die Hände. Ich hatte zwar mit meiner Entlassung erst für Sonntag gerechnet, da aber der Wundschlauch bereits gezogen war, sollte dem Check-Out am Samstag nichts mehr im Wege stehen. Prof. N. drehte sich zu mir und kam nah an mein Bett heran. Seine Mimik war wie immer eher zurückhaltend und ohne große Emotionen. Oder hatte er doch leicht besorgte Gesichtszüge und ein Zittern in der Stimme?

Wie in einem schlechten Tatort-Streifen sagte er:

„Herr P., ich habe leider eine sehr schlechte Nachricht für Sie.“

 

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5 Kommentare

  1. Der dramaturgische Höhepunkt! Du wirst als Schriftsteller immer besser.

    • CP

      15. Juni 2017 at 6:18 pm

      Hey Güssi, danke für die Blumen. Das Schreiben macht Spaß. Allerdings läuft es mir hin und wieder kalt den Rücken runter, wenn ich die einzelnen Tage runterschreibe. Der Spannungsbogen bleibt aber zunächst gespannt. LG

  2. Ohjeh Christian, ich könnte kotzen, wenn ich das so lese, was Du geschrieben hast, zumal ich ja weiß, wie es weiter gegangen ist und unter was für nem Druck wir ja alle gestanden haben. Meine ganze Seele schreit, aber denk dran, dein Feind ist weg, der Rest ist VORSORGE!
    ❤️

  3. Du bist übrigens der Grund, aus dem ich auch nen Blog schreibe und ich hoffe, der amüsiert und lenkt Dich ab.

  4. Poldi, mein Lieber, Du hast zwar schon viel davon erzählt, aber Schreiben kannst Du echt auch sehr gut. Weiter so – drücke die Daumen für Montag und was noch kommt

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