Es war Freitagabend, der 05. Mai 2017, kurz vor Mitternacht. Ich stellte mich auf eine kurze Nachtruhe ein, da ich davon ausging, dass ich aufgrund der Geschehnisse eh nicht hätte einschlafen und durchschlafen können. In der Tat wachte ich am Samstag morgen sehr früh auf. Allerdings schlief ich am Abend vorher schnell ein und schlief überraschenderweise durch. Zu sehr hatte mich die zweite OP und die Narkose geschlaucht.

Es muss so ca. fünf Uhr morgens gewesen sein als ich aufwachte. Draußen wurde es langsam hell. Mein Zimmergenosse schlief noch tief und fest. Ich allerdings war direkt bei vollem Bewusstsein, denn direkt schossen mir alle möglichen Gedanken wieder durch den Kopf. Was war tags zuvor geschehen? Morgens war noch alles in Ordnung. Mittags bekam ich die Diagnose und innerhalb einer halben Stunde entschieden Prof. N., meine Partnerin und ich, die zweite OP noch am selben Abend zu machen. Da lag ich nun mit einem dicken Verband auf der linken Halsseite, einem dicken Drainageschlauch, der hinter dem Verband die Wundflüssigkeit aus der Wunde nach außen in einen Auffangbeutel ableitete. Darin hatte sich bereits einiges an Wundwasser angesammelt. Der Anblick war nicht der tollste, aber ich konnte den Beutel unter der Bettdecke verstecken.

Was also sollte ich um fünf Uhr an einem Samstagvormittag in einem Krankenhaus tun? Richtig… Laptop aus dem Schrank holen, W-Lan Code für kostenfreien Zugang eingeben, Sky Go ansteuern und auf „Bundesliga“ klicken. Die Zugangsdaten für Sky Go hatte ich von meinem lieben Kollegen Michael H. bekommen. Ihn hatte ich darum gebeten, da ich ja das Spiel Köln gegen Bremen eigentlich live anschauen wollte. Also schaute ich mir das Spiel in der Zusammenfassung und mit Kopfhörern an. Und bei all dem Schrecken, der mir am Vortag durch die Glieder zuckte und immer noch in mir steckte, spürte ich auch ein bisschen was wie Freude, dass der FC auf dem Weg zu den internationalen Tabellenplätzen einen wichtigen Dreier holte.

Um meinen Zimmernachbarn nicht zu stören, setzte ich meine Kopfhörer auf die Ohren. Aber irgendetwas fühlte sich komisch an. Es müssen nur ein paar Sekundenbruchteile gewesen sein, aber bis ich realisierte, was falsch war, vergingen gefühlt 10, 20 Sekunden. Mein linkes Ohr war taub. Also nicht akustisch beeinträchtigt, sondern ich spürte nichts, als ich es berührte. Weder das Ohrläppchen, noch die Ohrmuschel. Ich tastete weiter. Der gesamte Wangen- und Nackenbereich auf der linken Seite bis hinunter zum Hals war taub. Kein Kribbeln, aber auch keine Schmerzen, oder so. Na super, dachte ich, auch das noch. Mir wurde zwar – sowohl vor der ersten, als auch vor der zweiten OP – gesagt, dass aufgrund des Eingriffs die Nerven „beleidigt“ sein könnten und deswegen ihre Funktion temporär einstellen. Es aber dann doch hautnah zu spüren bzw. hier nicht zu spüren, ist allerdings noch was anderes. Es könne Wochen, teilweise sogar Monate vergehen, bis das Taubheitsgefühl wieder abklingt. Für die Mediziner unter Euch: bei der so genannten Neck-Dissection  müssen seitlich liegende Gesichtsnerven zur Seite geschoben werden, um an die darunter liegenden Lymphknoten zu gelangen. Je nachdem, wie sehr die Nerven „geärgert“ werden, kann die Irritation kürzer oder länger dauern. Kann sein, dass ich das in einem der früheren Blogs bereits beschrieben hatte.

Den Laptop machte ich nach der Fußballzusammenfassung wieder aus, als die Krankenschwester das erste Mal um halb sieben nach uns schaute. Zwischenzeitlich war auch mein Zimmernachbar aufgewacht. Für ihn war es ein erfreulicher Tag. Er durfte heute gehen nach überstandener, erfolgreicher Operation. Und ich? Ich musste bleiben. Für wie viele Tage, das wusste keiner so genau. Denn für den Montag und die darauffolgenden Tage standen diverse Untersuchungen an. Irgendwie war es ohnehin ein komisches Gefühl. Der Krankenhausbetrieb läuft am Wochenende auf Sparflamme. Die normalen Sprechzeiten in den einzelnen Abteilungen fanden nicht statt. Ich wusste also, dass es sowohl auf meinem Zimmer, als auch auf dem Flur sehr ruhig werden würde. Denkste…

Auf einmal stand mein bester Freund Rainer H. in meinem Zimmer. Ich heulte mal wieder und er heulte mit. Aber es tat gut, dass er da war. Zu Rainer muss man sagen, dass er einer der Menschen ist, zu denen ich aufschaue und die ich bewundere – und das meine ich nicht aufgrund seiner Körpergröße von 2,04 m. Rainer hat in seinem Leben ähnliche Schicksalsschläge und viele Berg- und Talfahrten wegstecken müssen. Aber bei all dem Scheiß, den er durchgemacht hat, hat er nie den Lebensmut verloren und immer positiv nach vorne geschaut. Für mich sollte er in diesem Moment und in den folgenden Monaten eine der wichtigsten Stützen meines Lebens werden. Und das wird er auch immer bleiben. Danke Rainer!

Wir sind dann zusammen Richtung Frühstücksbuffet gelaufen und haben uns dort mit Broten, Saft und Kaffee eingedeckt. Er wollte natürlich ganz genau wissen, was Sache ist, wie es dazu kam und wie es nun weitergehen würde. So gut es ging, habe ich ihm von der Operation und auch von den ersten Momentan nach Mitteilung der Diagnose erzählt und wie es dann auch zur zweiten OP kam. Mit ihm darüber zu reden, tat gut. Und als wäre nichts Schlimmes passiert, schien draußen bereits warm die Sonne. Es sollte ein wunderschöner Tag werden und doch nicht so ruhig, wie man es von einem Wochenende auf Station im Krankenhaus erwarten würde.

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